Peer Kriesel: Ausstellung, Biografie & Interview

Malerei und Illustrationen von Peer Kriesel

9. März – 6. April 2018

„…gar köstlich ist er aufgeputzt. / Doch fratzenhaft, dass jeder stutzt.“ (Faust II, J.W.Goethe)

 

  1. Vernissage
  2. Artist Talk
  3. Live-Mal-Aktion
  4. Soloausstellung
  5. Werke
  6. Wirkung
  7. Arbeitsweise
  8. Interview
  9. Weiterlesen

Vernissage von Peer Kriesel am 9. März 2018

Glückszahl 13 – die dreizehnte Eröffnung im mz project room mit einem Schöneberger Künstler.

Viele Kunstfreunde aus dem Kiez – der sowohl die Galerie als auch Peer beheimatet – und aus der ganzen Stadt fanden sich am Freitag zur Eröffnung in unseren Räumen wieder.

Bei ein paar Snacks und Getränken wurden Stand- und Bewegtbilder erstmals präsentiert: Zeichnungen – Fratzen, Grimassen, Kalligrafie und mehr. Und auch ein Werk in 3D sowie umgewidmete Air Berlin-Tickets als Mobile.

 

 

Die Eröffnungsrede im Facebook-Livestream erwähnte die Relationen zwischen den Bildern.

opening LIVE

Posted by MZ project room maia zinc on Freitag, 9. März 2018

Der Artist Talk mit Peer Kriesel am 22. März 2018

Ein bemaltes Air Berlin Ticket von Peer Kriesel

Es fliegt kein Flug nach nirgendwo mehr hin – das war AIR BERLIN

Der Berliner Künstler Peer Kriesel setzt dem Eskapismus ein Fragezeichen entgegen und bemalt Air-Berlin-Bordkarten in neuer Soloausstellung  „Revealing“ in Berlin-Schöneberg.

Artist Talk am Donnerstag, 22. März 2018 um 19 Uhr – anlässlich der Ausstellung „Revealing“ – im MZ project room maia zinc in Schöneberg.

Peer Kriesel stellt sich den Fragen zu seinen Wimmelbildern unserer Moderatorin, sowie auch Fragen des Publikums.

Als Berliner Kind und Design-Künstler hat Kriesel eine fast nostalgische Bindung zur Stadt. Er nutzt entwertete BVG-Fahrscheine und verbrauchte Eintrittskarten und Einladungen zu Ausstellungeröffnungen als urbanes Medium für seine Malerei und als Erinnerung an die Orte seiner Inspiration. Kein Wunder, dass ein altes Air-Berlin-Ticket als unter dem Malstift von Peer Kriesel landete.

“ …. if I can make it here I can make it anywhere,“ war sein Motto als er sogar vor Textil nicht zurückscheute. In kreativer Zusammenarbeit landeten seine Fratzen letztes Jahr auf den Kollektionen der New Yorker Designerin Julianna Bass, vorgestellt auf der New York Fashion Week im Herbst 2017.

Das war der Artist Talk mit Peer – Rückblick

> Den Artist können Sie auf Facebook noch einmal ansehen

Fotos: Kalle Kruggel

Außerdem freuen wir uns jetzt schon auf eine seiner

Live-Mal-Aktionen:

Live-Mal-Aktion mit Peer Kriesel

Mitten in der Galerie wird Kriesel zum Ende der Ausstellungszeit am Freitag, den 6.April um 17.00 Uhr sein Talent zur Schau stellen.

Bis zum 6.4.2018 werden seine Werke noch zu sehen sein. Peer Kriesel neue und ältere Werke im mz project room maia zinc in Berlin-Schöneberg aus. Kriesels moderne Kalligraphie-Zeichnungen und stilisierte Wimmelbilder markieren den Übergang von Kunst und Design.

Solo-Ausstellung

vom 9.März – 6.April 2018
Vernissage : 9.März | 19-22.00 Uhr

Der 1979 in Berlin geborene Künstler Peer Kriesel zeigt in seiner Solo-Ausstellung eine Galerie von Grimassen und Fratzen vom Mittelalter bis in die Halloween-geprägte Gegenwart westlicher Urbanität.

Werke von Peer Kriesel

Kriesels Werke stellen das Gewimmel in einer Großstadt dar, mit Fratzen und Grimassen, die einem bewusst und unbewusst, eingebildet oder tatsächlich jeden Tag begegnen. Lust- oder schmerzverzerrte Gesichter, aufgerissene Münder, grinsende oder wütende Mienen, ein Gewimmel aus Körpern, Köpfen und Situationen. So verschafft uns Peer Kriesel einen Einblick in seine Welt von illusionierten und desillusionierten Gestalten, in die er sich nicht selten selbst einfügt.

Eine Herdenwelt karikaturartiger Menschen und Tiere, Fantasiewesen und (Hilfs)Akteure in immer wiederkehrenden Formen, Mimik und Gestik erinnert uns an das Schmuckwerk vieler Kathedralen und Giebel alter Häuser aus Renaissance und Barock.

Geschickt gibt der Künstler seinen Fabelwesen ihre eigene Gestalt, eine Mischung altbekannter Wiedergeburten mit zeitgenössischen Elementen. Auf diese Weise verbindet er die Bilder einer vergangenen Zeit mit dem großstädtischen Zeitgeist der Gegenwart. Bewusst gezeigt, bewusst verdeckt wimmeln seine Wesen durch den von Hetze, Stress und Gegensätzen geprägten Alltag. Soziale Kälte, Angst, Werteverfall begleiten sie, ihre Grenzerfahrungen und ihre Reaktion im geheimen Winkel der menschlichen Seele werden in ihren Gesichtern und Haltungen widergespiegelt.

Peer Kriesel: Wirkung

Kriesel schafft es, mit seiner Kunst die Manifestationen des Unbewussten heraufzuholen. Er fixiert sie in Zeichnungen und stellt sie dem Betrachter gegenüber. Was er vordergründig als lustiges „Wimmelbild“ anbietet, ist auf den zweiten Blick oft ein bissiges Gesellschaftsporträt a la George Grosz. Seine visuellen Fantasien sind durchdringend, düster, und zugleich moralisierend, oft erinnern sie auch an Brueghel oder Hieronymus Bosch.

Die Arbeitsweise Peer Kriesel

Kriesel arbeitet mit Acryl- und Aquarellfarben auf Leinwand oder Papier. Auch nutzt er entwertete BVG Fahrscheine, verbrauchte Eintrittskarten und Einladungen zu Ausstellungeröffnungen als urbanes Medium für seine Malerei und als Erinnerung an die Orte seiner Inspiration. Sogar vor Textil scheut der junge Design-Künstler nicht zurück. In kreativer Zusammenarbeit landeten seine Fratzen letztes Jahr auf den Kollektionen der New Yorker Designerin Julianna Bass, vorgestellt auf der New York Fashion Week im Herbst 2017.

Text: Ulrike Goldenblatt und Martina Zinkwe

Interview mit Peer Kriesel

Du hast den Titel der Ausstellung „Revealing“ aus mehreren Möglichkeiten ausgewählt. Revealing bedeutet so viel wie Enthüllen, Aufdecken. Was möchtest du denn enthüllen?

Peer Kriesel: Ich fand den Titel spannend, weil er für mich ja auch Offenherzigkeit ausdrückt. Meine Arbeiten leben ja eigentlich davon, dass man viel über mich erfahren kann, ohne dass ich das erzählen muss oder man es gleich entschlüsseln kann, aber in jedem Werk steckt ja total meine Persönlichkeit, meine Ängste, meine Wut, meine Hoffnung drin. Auch aktuelle Nachrichten, die ich aufschnappe, irgendwelche Kampagnen, die in den Social Media Kanälen laufen stecken in meinen Bildern. Die Bilder entstehen dann, indem ich das alles fließen lasse und direkt aus meinem Unterbewusstsein auf die Leinwand kopiere. Ich habe eine ungefähre Komposition, aber ich weiß nicht, was ich erzählen will. Deswegen sind die Werke am Ende sehr offenherzig, aufdeckend und aufschlussreich.

Gibt es denn hinterher eine Narrative, die du entdeckst, die sich auftut, nachdem du das Bild gemalt hast?

Peer Kriesel: Ja manchmal. Aber eigentlich gibt mehr wiederkehrende Elemente, wobei ich auch nicht genau erklären kann, warum es die gibt, z.Bsp. das Rote Kreuz Armband oder die Scherenhand. Ich male viele Fantasietiere, die sowohl Fische als auch Vögel sein könnten. Reptilien mit Behaarung, Noppenartiges und Organisches tauchen immer wieder auf. Flossen. Eine Narrative kann ich nicht ausmachen, aber es gibt so Arbeiten, bei denen die Scherenhand sehr oft erscheint und bei anderen gar nicht. Das hat vielleicht mit aktuellen Nachrichten zu tun.

Was wären die aktuellen Nachrichten zu so einer Figur?

Peer Kriesel: Gerade habe ich eine Arbeit im Atelier fertiggestellt, da tauchen viele Brüste und weibliche Körperteile auf, und ich überlegte, warum das so ist. Das haben ja andere auch, aber nicht so in der Form. Da fiel mir ein, dass es ja die ganze Me too Geschichte gab oder auch die Meldung, dass eine Kundin gegen die Sparkasse klagte, weil sie als KundIn angesprochen werden wollte (Anm.: und verlor). Diese ganzen Debatten haben mich also bei meinen Arbeiten beschäftigt.

Aber du wertest das nicht in deinen Arbeiten?

Peer Kriesel: Nein. Ich möchte den Betrachter nicht offenkundig darauf stoßen. Die geometrischen Formen, die ich jetzt einfüge, heben vielleicht Situationen oder Figuren hervor. Sie sind so ein bisschen Ruhepole, auf der anderen Seite aber auch scharfe, rasierklingenartige Elemente, die eigentlich durchs Bild schlagen und teilweise auch die Figuren und Welten zu zerschneiden oder zerquetschen drohen.

Diese geometrischen Formen sind neu an deinen Arbeiten und scheinen willentlich eine Trennung von der Grimassenflut herstellen zu wollen. Eine Art Befreiungsschlag?

Peer Kriesel: Genau. Aber es ist nicht so, dass ich das so machen wollte. Es ist einfach gewachsen. Ich habe lange Zeit eben nur an diesen Wimmelbildern gearbeitet und diesen feinen Zeichnungen. Massen an Figuren und Situationen, die aufeinanderprallen und mit denen ich den massiven Datenflüssen, Medien, Bildern und Videos, die es gibt, dem medialen Overkill begegne. Das war so mein Konzept, dass man sich darin verlieren, aber auch entdecken kann. Und dass einfach schon dieses Wimmeln allein zerquetscht und bedrängt und eigentlich alles zu viel ist. Die neuen Bilder sind eine Befreiung davon. Die geometrischen Formen sind jetzt Gegenpol zu diesem organischen Gewusel, das ja so ungezähmt vorhanden ist. Die Formen sollen strukturieren, einfangen, zerschneiden, verdecken, neue Figuren aufdecken, aber alles ohne Wertung.

Aber bestimmte Figuren hebst du ja jetzt hervor? Wie ist dein Arbeitsprozess?

Peer Kriesel: Das ist teilweise bewusst, aber es ist auch dem Arbeitsprozess geschuldet. Zuerst ist da nur die Leinwand und die Farben. Schichtenweise Farben und Flecken, die sich permanent ändern. Irgendwann sehe ich dann schon Figuren und Formen in diesen Flecken. Dann beginne ich mit den geometrischen Formen die Leinwand aufzuteilen und habe dann schon bestimmte Flecken, die mir besonders gut gefallen, einfach nur aus ästhetischen Gründen oder weil ich schon eine witzige Figur darin sehe. Dann versuche ich, diese frei zu lassen und schon hervorzuheben, aber nur für mich und dann decke ich viele andere ab. Das finde ich als Konzept spannend, denn man nimmt eine Gewichtung und Selektierung vor. Man kann da viel hineininterpretieren. Das ist dann schon ein bewusster Prozess. Ich habe Flecken, die ich bevorzuge und Bereiche. Dann gehe ich mit der Zeichnung rein, mit dem Acryl-Marker und konkretisiere die Flecken. Das ist aber auch nicht zusammenhängend. Ich habe keine bestimmte Richtung. Ich fange an verschiedenen Stellen an und es wächst dann zusammen. Im letzten Prozess gehe ich mit einer Schattierung rein und hebe noch mal ein paar Figuren hervor und setze manches zurück.

Du verwendest Acrylfarben, die meist kalte Eindrücke entstehen lassen. Wovon ist die Farbgebung bei dir noch abhängig?

Peer Kriesel: Das ist von der Tagesform abhängig, aber momentan hat Farbe bei mir keinen wirklichen Stellenwert. Farbe ist Teil der Untermalung. Es ist schon so, dass ich ein kaltes oder warmes Bild hervorrufen möchte, bei den Korrosionsbildern wollte ich schon mit diesen Braun- und Rottönen arbeiten, aber es ist keine bestimmte Aussage damit verbunden. Die Farben müssen nicht unbedingt zu den Figuren passen. Überhaupt nicht.

Kannst du etwas über die beiden Bilder mit dem Titel „Korrosion“ sagen. Du hast gemeint, dass sie dir von deinen neuen Werken selbst auch sehr gelungen vorkommen. Die Arbeiten heben sich von den anderen ab.

Peer Kriesel: Die „Korrosion“ Bilder sind zwei richtig gute Arbeiten von 2017/2018. Hier habe ich mal ein paar Flächen so gelassen, wie sie sind und nur punktuell konkretisiert, damit der Betrachter selbst weiter spinnen kann. In der Mitte sieht man die Figuren, die etwas eingefangen, die aber anders sind als auf den anderen Bildern. Es gibt keine geometrischen Figuren, die etwas zerquetschen, sondern die eher eingebunden sind. Die Formen erscheinen eher als Segel oder Seidenstoffe, die etwas Wind in das schwere oxydierte Bild reinbringen. Es ist weniger ein Wimmelbild, eher wie meine kleinen Papierarbeiten, auf denen man Extrakte aus Wimmelbildern sieht. So funktionieren diese beiden auch. Sie sind nicht so vollgepackt wie bei „Autokorrektur“, bei dem man das Ganze nicht mehr erfassen kann. Dieses ist ruhiger und harmonischer.

Woher kommt deine Affinität zu Wimmelbildern?

Peer Kriesel: Ich habe schon als Kind Wimmelbücher geliebt, Ali Mitgutsch zeige ich auch meiner Tochter wieder. Es fasziniert mich einfach, es gibt viel zu entdecken und viele Geschichten, die man herauslesen kann. Ich habe als Kind schon viele Feinzeichnungen gemacht von allem, was ich sah. Zum Beispiel habe ich als 9- oder 10jähriger zur 1.-Mai-Demo alle Polizisten gezeichnet, die man vom Fenster aus in der Mariannenstrasse in Kreuzberg sehen konnte. Wasserwerfer haben mich auch beschäftigt. Man sieht das und lässt sich wie in Trance reinfallen. Man kann zeichnen ohne Ende. Man malt nicht nur eine Katze, das wird dann zum fließenden Prozess, so wie Schreiben.

Welche Künstler haben dich in deiner kreativen Phase beeinflusst oder inspiriert?

Peer Kriesel: Als Kind und Jugendlicher hat mich Picasso unheimlich fasziniert, da er schon als Kind diese tollen akkuraten Bilder gemalt hat. Sein Übergang zum Kubismus hat mich beeindruckt. Die alten Surrealisten wie Max Ernst und Yves Tanguy, der auch gerade im Gerstenberg gezeigt wird, haben mich geprägt. Der hatte so ganz feine Figuren. Dali mag ich nicht so, aber ich finde die Bilder unheimlich stark und man kennt sie nur aus Darstellungen und sie erscheinen groß, während sie im Original manchmal nur Postkartengröße haben und trotzdem steckt unheimlich viel drin.

Die Faszination am Surrealistischen…

Peer Kriesel: Ja. Max Ernst hat ja z. Bsp. Abreibungen von Holz gemacht und eigentlich das herausgearbeitet, was er gesehen hat. Er war wahrscheinlich auch ein Freak und wusste, dass das ein Auge ist, ein Zahn, was könnte das für ein Tier sein? Hieronymus Bosch, es wird oft gesagt, dass hier eine Verbindung ist. Das habe ich als Kind auch schon gut gefunden. Aktuell finde ich Jonas Burgert super, da bin ich totaler Fan. Neo Rauch auch. Der hat auch solche Traumwelten, so eine Zusammenstellung an Figuren. Der fängt auch irgendwo an der Leinwand an und arbeitet sich durch und es wächst etwas und wird so eine Freakshow. Auch Ron Mück mit seinen hyperrealistischen Figuren fasziniert mich. Etwas, was so gar nicht passt. Ein übergroßer Mann, der da so hockt. Ein riesiges Baby. Das „Sich total herausziehen. Das nicht Greifbare.“

Woher nimmst du deine doch eher abstrakten Titel? Ich denke hierbei an eins deiner Bilder mit dem Namen Kullerkeks?

Peer Kriesel: Titel kommen immer danach. Ich wurde darauf schon angesprochen, dass es einen Kullerkeks doch gar nicht gebe und dass es eine eigene Wortschöpfung wäre. Doch gibt es. Habe ich gewählt, weil da auch so freundliche, lachende Personen drauf sind. Und die Farbe passt, so bonbonmäßig. Ich vergebe die Titel danach, was ich gerade denke. Es kann aber auch sein, dass ich mich an irgendeiner Figur aufhänge. Ich finde, Bilder brauchen Titel. Der Betrachter braucht einen, um an die Hand genommen zu werden und ich habe ja auch eine Assoziation dazu. Ich vergesse den Titel aber auch selbst wieder.

Welche Themen vertiefen sich in deinen Bildern oder lösen sich auf?

Peer Kriesel: Wenn ich auf die Arbeiten zurückblicke, sehe ich als Thema den Datenfluss, die Vielfalt an Fratzen und Figuren, die einem so entgegenkommt auf Instagram, FB oder beim Bachelor oder kleinere Fernsehformate mit gecasteten Typen, Dschungelcamp, all diese Freakshows. Diese gesamte „Fake Welt“. Deswegen kommen bei mir so bestimmte Elemente vor wie diese Maske, die oft auftaucht. Ich will die gar nicht so oft zeigen, denn das kann ja auch sehr konstruiert wirken, aber sie kommt immer wieder. Das bedeutet wohl die Maskerade im Unterbewusstsein. Es gibt Arbeiten, da hat eine Figur bis zu 5 Masken auf. Aber auch Themen wie Kriege und Verstümmelungen verarbeite ich, was vielleicht nicht schön ist, und ohne, dass ich jetzt einen Panzer zeigen muss, aber irgendwie geht es schon in die Richtung. Ich hatte mal so eine Phase, da habe ich immer aneinandergereihte Fenster gemalt mit Fratzen. Im Nachhinein hatte es für mich so den Anschein, als ob ich Deportationen verarbeite. Auch ohne, dass ich das Thema aufmachen wollte. Aber durch Fernsehen und Kriegsdokus, und das Thema zigmal in der Schule, setzt sich das fest. Und ich bringe das dann aufs Papier. Aber eigentlich will ich ja gar keine politische Kunst machen. Ich könnte mir so ein Fenster-Bild auch gar nicht aufhängen, da kommt sofort der Gedanke an Güterwaggons deportierter Menschen.

Fühlst du dich von den Figuren, die du malst, verfolgt oder bedroht, hast Mitleid?

Peer Kriesel: Nein, überhaupt nicht. Ich habe verschiedene Gefühle gegenüber meinen Figuren. Es gibt ja nicht nur diese bösen, traurigen oder finsteren Figuren. Mich haben schon Leute angesprochen, dass die Figuren so traurig seien. Das finde ich jetzt gar nicht. Manche wirken vielleicht etwas verstört, manche sehen aus, als tickten sie nicht richtig. Es gibt aber auch viele witzige skurrile Figuren, wie das Schweinchen, das da einfach sitzt und auf etwas wartet. Also es hat auch etwas Witziges, meiner Meinung nach.

Die Rote Kreuz Armbinde taucht oft in den Bildern auf. Ist das dein Hilfeschrei?

Peer Kriesel: Da habe ich auch schon drüber nachgedacht, warum das immer wieder kommt. Ja vielleicht ein Hilfeschrei, vielleicht aber auch die Figur, die Struktur ins Bild bringt oder eben der Retter ist, der greifende Arm, der hier und da noch jemanden festhält. Einfach die helfende Hand.

Wo kommt der Faible für Masken her?

Peer Kriesel: Während des Studiums waren wir oft im Völkerkundemuseum in Dahlem und da haben wir so kleine afrikanische Figuren und Masken aus der Südsee abgemalt. Zum Teil auf großen Bahnen mit Jacksonkreide, sehr martialisch. Wir haben versucht, die Details aus diesen kleinen Figuren aufzusaugen. Das war mit Michael Wette damals, mit dem ich auch noch in Kontakt stehe Das hat mich unglaublich beeinflusst. Diese starken Figuren und immer das Spiel mit dem Bauch und der Kraft aus dem Inneren und auch die geschnitzten Masken mit diesen Augenpartien. Das taucht so auch wieder in meinen Arbeiten auf, ohne dass ich das unbedingt möchte, aber das Kraftvolle des Gesichtsausdrucks und die abgefahrene Mimik, das Schreien, diese Kraft, das alles fasziniert mich.

Du hast zuletzt benutzte Air-Berlin Tickets der Strecke Berlin-New York bemalt im Anschluss an eine Serie übermalter BVG-Tickets. Wie kamst du auf die Idee?

Peer Kriesel: Grundsätzlich sind Übermalungen ein Thema, das ich habe, weil es eigentlich Wegwerfartikel sind. Zum einen die Fahrscheine, von denen ich schon sehr viele gemacht habe. Zum anderen übermale ich auch Geld und Tickets, also Flugtickets. In diesem Fall war es ein Ticket nach New York zur Fashion-Week, weil ich da eine Kooperation mit einer Fashion-Designerin (Julia Bass) hatte. Mich faszinieren diese Medien einfach, weil da unheimlich viel drinsteckt. Es steckt eine Reise drin und das Ticket ist eigentlich entwertet und man kann es wegwerfen, aber es ist ja schon ursprünglich von Designern gestaltet worden und ist dann aufgeladen durch den Weg, die Reise. Und dann erfolgt noch die Wiederaufwertung durch mich. Jetzt ist das natürlich Zufall, dass es Air Berlin nicht mehr gibt. Wer hätte das gedacht?

Zum Abschluss. Wie viele deiner dargestellten Wimmelfiguren hast du am letztendlich persönlich getroffen?

Peer Kriesel: Alle.

Das Gespräch wurde von Ulrike Goldenblatt geführt.

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